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TRISTIA EX PONTO. 15. JUGENDERINNERUNGEN IM GRÜNENФранц Грильпарцер

Dies ist die Bank, dies sind dieselben Bäume...
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немецкий
Dies ist die Bank, dies sind dieselben Bäume,
Wo einst, das dunkle Schulbuch in der Hand,
Der Prüfung bang, den Kopf voll Frühlingsträume,
Vor manchem Jahr sich oft der Knabe fand.

Wie er da saß, glitt von den finstern Lettern,
Zu manchem fremden Worte schwer gefügt,
Der Blick hinauf zu jenen frischen Blättern,
In denen sich der Westwind spielend wiegt.

Und künftiger Gestalten Geisterreigen
Und künftigen Vollbringens Schöpferlust
Erschienen ihm in jener Wipfel Neigen,
Erklangen ihm in ahnungsvoller Brust.

Es ward erfüllt das kaum gewagte Hoffen,
Die Ahnung hielt, was sie vorhergesagt,
Des Wirkens goldne Tore stehen offen,
Ein Schritt gelang, ein zweiter ward gewagt.

Und nun nach manchen Jahres Zwischenräumen,
Zum Mann gereift, gewogen und erkannt,
Find ich mich wieder unter diesen Bäumen,
Den Blick, wie damals, über mir gewandt,

Und Seufzer, so wie damals, schwellend heben
Die müde Brust, von mancher Sorge schwer,
Bis auf die Träne, die nicht mehr gegeben,
Ist alles so wie damals, ringsumher.

Ungnügsam Herz, warum bist du beklommen?
Was du so heiß ersehnet, stehet da!
Die Stunde der Erfüllung ist gekommen,
Du hast es, was dein Wunsch in weiter Ferne sah.

Wie? oder war der bunten Bilder Fülle
Der Inhalt nicht von dem, was du begehrt,
War nur der tiefern Sehnsucht äußre Hülle,
Das Kleid nur dessen, was dir wünschenswert?

Hast Schönes du vielleicht gestrebt zu bilden,
Um schöner dich zu fühlen selber mit?
War Schreiten in des Wissens Lichtgefilden
Im Land des Wollens dir zugleich ein Schritt?

Hast du vielleicht nach Ehr und Ruhm getrachtet,
Vermengend in Gedanken, jugendlich,
Das Aug, mit dem die Welt den Mann betrachtet,
Und das, womit er selbst betrachtet sich?

Schien dir die Welt mit ihren weiten Fernen
Ein Urbild, wert des Nachgebilds zu sein?
Hast, wo sie schimmert, du geträumt von Sternen?
Von Wirklichkeit bei jedem holden Schein?

O Trügerin von Anfang, du, o Leben!
Ein reiner Jüngling trat ich ein bei dir,
Rein war mein Herz und rein war all mein Streben,
Du aber zahltest Trug und Täuschung mir dafür.

Die Freundschaft sprach, mein Innres tönte wieder,
Wir stießen, zwei, kühn schwimmend ab vom Strand.
Er sank, ich hielt ihn noch, er zog mich nieder
Und rettete ermattet sich ans Land.

Gewaltger regten sich geheimre Triebe,
Ein unbekanntes Sehnen wurde wach,
Sie nannten es, ich selber nannt es Liebe,
Und einer Holden ging mein Streben nach.

Kaum nur gesehn, kein Wort von ihr vernommen,
Schien sie entstammt aus höherm Lichtgefild,
Durch Berg und Tal, vom innern Brand entglommen,
Verfolgt ich, das mich floh, ihr holdes Bild.

Da kam der Tag, der Schleier war zerrissen,
Gemeinheit stand, wo erst ein Engel flog.
Sich selber träumte Sehnsucht, gleich Narzissen,
Und starb, wie er, am Quell, der sie betrog.

Ein Vorhang deckt, die darauf folgt, die Stelle;
Ich lüft ihn nicht, Erwähnung schon genügt,
Zwei Sphingen ruhn an der verborgnen Schwelle,
Das Götterhaupt dem Tierleib angefügt.

Der Eintritt scheint zu Hoffnungen berechtigt,
Das Ende wär als Anfang gut genug,
Doch eh der Geist der Folge sich bemächtigt,
Ist auch vorüber schon der grobe Trug.

Da fand ich sie, die nimmer mir entschwinden,
Sich mir ersetzen wird im Leben nie,
Ich glaubte meine Seligkeit zu finden,
Und mein geheimstes Wesen rief: nur sie!

Gefühl, das sich in Herzenswärme sonnte,
Verstand, wenngleich von Güte überragt;
Ans Märchen grenzt, was sie für andre konnte,
An Heilgenschein, was sie sich selbst versagt.

Der Zweifel, der mir schwarz oft nachgestrebet:
Ob Güte sei? durch sie ward er erhellt;
Der Mensch ist gut, ich weiß es, denn sie lebet,
Ihr Herz ist Bürge mir für eine Welt.

In Glutumfassen stürzten wir zusammen,
Ein jeder Schlag gab Funken und gab Licht;
Doch unzerstörbar fanden uns die Flammen,
Wir glühten, aber ach, wir schmolzen nicht.

Denn Hälften kann man aneinanderpassen,
Ich war ein Ganzes und auch sie war ganz,
Sie wollte gern ihr tiefstes Wesen lassen,
Doch allzufest geschlungen war der Kranz.

So standen beide, suchten sich zu einen,
Das andre aufzunehmen ganz in sich,
Doch all umsonst, trotz Ringen, Stürmen, Weinen,
Sie blieb ein Weib, und ich war immer ich.

Ja, bis zum Grimme ward erhöht das Mühen,
Gesucht im Einzeln, was im Ganzen lag,
Kein Fehler ward, kein Wort ward mehr verziehen,
Und neues Quälen brachte jeder Tag.

Da ward ich hart. Im ewgen Spiel der Winde,
Im Wettersturm, von Sonne nie durchblickt,
Umzog das stärkre Bäumchen sich mit Rinde,
Das schwächre neigte sich und war zerknickt.

O seliges Gefühl der ersten Tage,
Warum mußt du ein Traum gewesen sein?
Lebt denn das Schöne nur in Bild und Sage,
Und schlürfts die Wirklichkeit wie Nebel ein?

Auch dort nicht heimatlos in Bild und Worte,
Floh ich, dem meerbedrängten Schiffer gleich,
Sooft den Stürmen aufgetan die Pforte,
In jenes Hafens schützenden Bereich.

Gelagert in dem Dufte fremder Kräuter,
Umspielt von fremder Wipfel leisem Wehn,
Sah ich im Traum die hohe Himmelsleiter,
An der die Geister ab- und aufwärts gehn.

Und angeregt, sie selber zu besteigen,
Umherzuschauen in dem weiten Raum,
Versucht ich, rückgekehrt, es anzuzeigen,
Was ich gesehn, halb Wahrheit und halb Traum.

"Den Armen, dem sich ab ein Gott gewendet,
Des Dichters blendend, trauriges Geschick,
Wie das Gemüt im eignen Abgrund endet,
Der Erdengröße schnellverwelktes Glück."

Und flammend gab ich das Geschaute wieder,
Der Hörer, ob auch kalt, entging mir nicht,
Denn Lebenspulsschlag zog durch meine Lieder,
Und wahr, wie mein Gefühl, war mein Gedicht.

Vorahnend durft ich zu den Großen sagen,
Die längst umwallt der Ruhm wie Opferrauch:
So hoch als euch mag mich kein Flügel tragen,
Doch, Meister, schaut! ein Maler bin ich auch.

Da kam die Nüchternheit in ihrer Blöße,
Die groß sich dünkt, weil hohl sie zwar, doch weit;
Nach Ellen maß sie meiner Menschen Größe,
Nach Pfund und Lot der Stoffe Hältigkeit.

Doch kann die Formel Leben je bereiten?
Was ungeheuer, ist darum nicht groß.
Ein Mögliches ragt über alle Weiten,
Das Wirkliche zeigt sich im Raume bloß.

Wo tausend Tinten meine Blicke spürten,
Da sah der Stumpfsinn schroffes Grün und Blau,
Wo Rätsel mich zu neuen Rätseln führten,
Da wußten sie die Lösung ganz genau.

War eine Wiese, wo ich Blumen pflückte,
Die Rinderzucht drauf hingetrieben frisch!
Wo nur ihr Fußtritt in den Boden drückte,
Lag Schlamm und Gras in ekligem Gemisch.

Was nicht zu sagen, davon ging die Rede,
Was auszusprechen nicht, das sprach ihr Wort;
Verschmähst du ihre Waffen auch zur Fehde,
Schon Unsinn ists, zu wählen ihren Ort.

Gestalten, die mein Geist in Glut umfangen,
Die Roheit legte dran die schmutzge Hand,
Ich sah die Spur auf den entweihten Wangen,
Und mein Gemüt, es fühlte sich entwandt.

Und wie der Mensch den Ort, den schönsten, werten,
Nicht mehr betritt, wenn Gräulichs ihn betrat,
So floh mein Geist aus meiner Jugend Gärten,
Empört von seines Heiligsten Verrat.

Hart hinterher der Mißgunst lange Zeile,
Der Neid, der Haß, bewaffnet anzusehn,
Mit dopplem Eindruck trafen ihre Pfeile,
Denn, ach, wer singt, kann nicht im Harnisch gehn;

Und stellt er ihnen sich, die nach ihm zielen,
Ergreift des Streites zorniges Gerät,
Der schwere Panzer drücket harte Schwielen,
Drob des Empfindens weicher Sinn entgeht.

So floh ich aus des Kampfes Glutbeschwerde
Hin zur Natur, wo Leben neu sich schafft,
Den Busen drückt ich an die Mutter Erde,
Um, wie Antäus, zu erstehn in Kraft.

Doch sie, die oft geführt schon meine Sache,
Getröstet mich so oft und gern zuvor,
Verloren hatte sie für mich die Sprache,
Die Sprache, oder ich für sie das Ohr.

Gelehrig sonst an ihrer frommen Seite,
Schien jetzt nur trotzig Schaffen mir Gewinn,
Ihr Wort verklang in meines Busens Weite,
Ihr Wink verschwand vor meinem stumpfen Sinn.

Und schaudernd vor der Welt und ihrem Treiben,
Ein jedes Band verschmähend, das sie flicht,
Mocht ichs nicht leben, konnt ichs nicht beschreiben,
Und selbst den Anblick fast ertragen nicht.

Ja, horchend auf des Innern leise Zungen,
Erschaudert mein Gemüt, wenn es ihm däucht,
Es kling ein Ton, den Tönen nachgeklungen,
Mit denen das Gemeine mich verscheucht.

Und also sitz ich an derselben Stätte,
Wo schon der Knabe träumte, saß und sann.
Wenn erst ich das Verlorne wieder hätte,
Wie gäb ich gern, was ich seitdem gewann.
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Die meisten Gedichte wurden kurz nach ihrem Entstehungsdatum erstmals in verschiedenen Zeitschriften abgedruckt. Erstdruck der ersten Gesamtausgabe nach Grillparzers Tod, 1872.
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 224-230.

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