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HOMUNCULUS. 8. GESANG: IM NEUEN ISRAELРоберт Гамерлинг

Muse, die du Polka tanzest...
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немецкий
Muse, die du Polka tanzest
In vierfüßigen Trochäen
Vor den Augen des blasirten
Deutschen Publikums nach meiner
Sehr bescheid'nen Pfeife, die ich
Aus dem Röhricht des Parnasses
So für mich zurechtgeschnitten –
Gott erhalte dir den Odem!
Zu berichten gilt's die letzten,
Gilt's die größeren, die höher'n,
Die entscheidenden Geschicke
Uns'res Helden, des Homunkels.
Armer Munkel! Viel erduldet
Hat er im bisher'gen Dasein,
Viel gewonnen, viel verloren,
Bittern Undank viel geerntet,
Schmählichen Verrath erlitten,
Sich gesellt ein übermenschlich-
Reizend', übermenschlich-kluges
Nixenweib, und es verloren
An den Tölpel Leo Hase.
Aermster Munkel! Traun, zu wünschen
Ist's, daß endlich er ein schönes,
Hohes, festes Ziel erreiche,
Oder daß er Ruhe finde.
Jenes Ziel, das er verfolgt,
Glanz ist's, Größe, Ruhm und Herrschaft,
Und vor Allem: der Triumph
Des Homunkelthums auf Erden.
Ach, schon fühlt er sich ermattet
In dem Streben, in dem Ringen
Nach dem Uebermenschlichen,
Will verzweifeln an dem Sterne,
Der geleuchtet seinem Ursprung.
Plötzlich aber beut noch einmal
Ihm durch eine große Wendung
In dem jüngsten Völkerleben
Winkende Gelegenheit sich,
Kühn zu trachten nach dem Höchsten.
Zu derselben Zeit geschah es,
Daß den Christen wieder einmal
Nicht gesiel der Juden Nase,
Die gekrümmte Judennase,
Und man hörte plötzlich wieder
Von verschwund'nen Christenkindern,
Die geschlachtet ohne Zweifel
Waren von Israeliten
Zu geheimen Kultuszwecken.
Gegen den bekannten foetor
Judaeorum war man plötzlich
Außerordentlich empfindlich
Wieder und nervös geworden.
Und man glaubte zu entdecken,
Dieser unleugbare foetor
Judaeorum sei der faul'ge
Ausfluß dessen, was man neu'stens
"Korruption" zu nennen liebte.
Je nun, der Geruch ist alt,
Stammt schon aus dem Paradiese,
Wohin ihn gebracht die Schlange,
Wenn zu glauben ist der Bibel ...
Zur Entäuß'rung des Geruches
Ward dem Judenvolk die Taufe
Von den Christen warm empfohlen.
Je entschiedener die Christen,
Aufgeklärt, sich selbst vermaßen,
Christen nicht mehr sein zu wollen,
Desto dringender verlangten
Sie von Juden, es zu werden.
Und so sahen plötzlich wieder,
Wie so oft schon, die Hebräer
Sich vom Nimbus int'ressanter
Dulder, Märtyrer, umflossen.
Und es gab nun wieder etwas
Für die nächsten Menschenalter
Zu erlösen, zu befreien,
Unterdrückten Menschenrechten
Neu zum Siege zu verhelfen.
Endlich stieg so hoch im Westen
Gegen Israel der Unmuth,
Daß mit feierlichem Urtheil
Man, und Parlamentsbeschlüssen,
Für Heloten sie erklärte,
Sie zu zwingen so zur Heimkehr
Nach dem Land, woher sie stammten,
Nach dem fernen Palästina.
Mit geheimen Sympathien
Sah sich hingezogen Munkel
Zu dem unterdrückten Volke.
Jüd'scher Sinn und jüd'sches Wesen,
Jüdischen Verstandes Schärfe,
Aetzende, wie Scheidewasser,
Jüd'sche dreist-verschlag'ne Thatkraft,
Und noch manches and're Jüd'sche,
Stand, so dünkt es ihn, erheblich
Nahe seinem eig'nen Wesen,
Nahe dem Homunculismus.
Ei, wie wär's, wenn er's versuchte
Nun zuletzt noch mit den Juden?
Außerordentliche Gaben
Dieses auserwählten Volkes
Schienen Großes zu verbürgen,
Schienen viel ihm zu versprechen
Für die hohen, großen Ziele,
Die er steckte seinem Wirken.
Und in seine Träume mischten
Sich Idole neuer Größe,
Neuen Ruhmes, neuen Glanzes.
Sich gefeiert als Messias
Träumt' er eines weltzerstreuten,
Arg geschmähten, arg bedrängten,
Doch durch ihn auf's Neu' vereinten,
Neu zur Macht gelangten Volkes.
Von so gold'nem Traum gestachelt,
Predigte den Juden Munkel
Eines neuen Heiles Botschaft:
Heimkehr nach dem schöner'n Osten!
Gründung eines neuen Reiches
Israel, bestimmt, die ganze
Welt am Ende zu umfassen,
Sie vom sicher'n Heimatboden
Aus aufs Neu' zu unterwerfen.
"Kinder ihr des Morgenlandes!"
Rief er mit beredten Worten
Ihnen zu, "was säumt ihr länger?
Braucht es doch nur eines Blickes,
Eines Blicks in eure Züge,
Eines Blicks auf die Gestaltung
Aeuß'ren Wesens, Gang und Haltung,
Um zu seh'n, daß ihr Verbannte,
Fremdlinge hier seid im Westen!
In des Westens Tracht gewährt ihr
Einen Anblick, gleich als schaute
Man der Bibel Patriarchen
Karrikirt, gezwängt in Fräcke,
Und in steifen Filzes Röhren
Schnöd' gepreßt die würd'gen Häupter!
Traun, ein krummgenas'ter Jüngling
Eures Stamms, mit Säbelbeinen,
Welcher schlottrig-unbeholfen
Hin in europä'schem Leibrock
Torkelt und in knappen Hosen,
Wird als Märchenprinz erscheinen
In des Orients Gewandung!
In des Orients Gewandung,
Traun, wird sicherlich, der Spötter
Wort zum Trotz, auch nicht im Alter
Je ein "schönster" Jude "schäbig"!
In des Orients Gewandung
Wird das Häßlichste auf Erden,
Eine alte Jüdin mein' ich,
Würdig als Matrone glänzen,
Und das Schönste, was es giebt,
Eine junge Jüdin mein' ich,
Wird die Welt unwiderstehlich
Wie Kleopatra bezaubern,
Wie Semiramis erobern!" –
Dies und And'res zu bedenken
Gab den lauschenden Hebräern
Munkel, und sie machten endlich
Sich vertraut mit dem Gedanken,
Heimzupilgern nach den Stätten
Ihrer einst'gen Macht und Blüte,
Ihrer gottgeliebten Heimat:
Freilich mehr als Munkels Worten
Mitleidslosem Zwange weichend.
Denn von Tag zu Tage grimmer
Waren über dem Bedrängten,
Dem Hebräer, her die Christen,
Wie Philister über Simson.
Schließlich spielte man den größten,
Letzten Trumpf aus gegen Israel:
Insolvent erklärte kurzweg
Eines Tags die Christenwelt sich
Den Hebräern gegenüber.
Längst schon war man ihnen schuldig
Mehr als man bezahlen konnte.
Dieser Schlag, der letzte, schwerste,
Diese Katastrophe, dieser
Bankerott des Christenthumes
Gab den Ausschlag für die Juden:
Sie entschlossen sich zum Auszug.
Uebertrat zum Judenthume
Munkel jetzt, ließ sich beschneiden,
Nannte Gotthold Ephraim Munkel
Sich, und als des Auszugs Führer
Wählten ihn die Abramssöhne;
Denn wie er zu ihnen, fühlten
Sie zu ihm sich hingezogen,
Ahnten, daß er ihnen nahe,
Zwar nicht Blut von ihrem Blute,
Zwar nicht Fleisch von ihrem Fleische,
Zwar nicht Herz von ihrem Herzen,
Aber Geist von ihrem Geiste.
Moses, Xenophon, Firdusi,
Hermann Lingg und Dahn und Jordan,
Große Menschenherdentreiber,
Große Völkerzugsbeschreiber,
Müßten mir den Griffel leihen,
Um des auserwählten Volkes
Exodus zu schildern würdig!
"Fahre hin, du undankbare
Schnöde Welt der Europäer!"
Also riefen, rückwärts blickend
Von des Mittelmeeres Borden
Die im Zug geeinten Schaaren:
"Weh euch, gier'ge Judenfresser!
Traun, ihr werdet's noch erleben:
Leicht ist's, Juden zu verschlingen,
Aber schwer, sie zu verdauen!" –
Tausend Wimpel führten flatternd
Das Semitenvolk meerüber:
Ebensoviel Lastfahrzeuge
Schleppten hinter ihnen her sich
Mit den unbezahlten Wechseln.
Ernst, schier traurig anzuseh'n war
Des Hebräervolkes Auszug;
Um so glorreicher der Einzug
In die Stadt Jeruscholajim.
Festlich schimmerten die Zinnen,
Jedes Haus und jede Pforte
War geschmückt mit Palmenzweigen,
Blumenüberstreut die Gassen.
Pauken, Cymbeln, Harfen klangen,
Jünglinge und Jungfrau'n tanzten,
Alte Juden sangen Psalmen.
Aelteste des Volkes ritten
Auf Kameelen an des Zuges
Spitze – unter ihnen Munkel
Auf geschmücktem Dromedare.
Neben Munkel in dem Zuge
Ward geführt, seltsamen Anseh'ns,
Gleichwie im Triumph der alte
Ahasver, der ew'ge Jude.
Nicht geruhet hatten seine
Stammgenossen vor dem Auszug,
Bis sie seine Spur gefunden,
Ihn bewogen mitzuwandern
Nach dem heil'gen Heimatlande.
Auf ihn blickten sie mit Stolz,
Hielten ihn in hohen Ehren,
Als das Bild, das fleischgeword'ne,
Der Unsterblichkeit, der zähen
Kraft des Stammes Israel.
Schön geschaart und schön gesondert,
Schier in endlos langen Reihen,
Zogen alle die verschied'nen
Zünfte, Ordnungen und Stände
Israels mit ihren Zeichen
Und Standarten und Emblemen.
Erstlich die der Schacherjuden,
Schwere Bündel auf den Rücken,
Dann der Schwarm der Wucherjuden;
Ihr Emblem auf lichtem Banner:
Shylocks Fleischpfund in der Wagschal'.
Dann der Schwarm der Börsejuden;
Ihr Emblem: Fortunens Kugel
In Gestalt von einer Bombe,
Welche platzt mit einem Krach.
Dann die glanzvoll-stolze Gruppe
Mauschelnder Finanzbarone,
Sich um Rothschilds, des Erlauchten,
Goldene Karosse schaarend;
In den Wappenschildern führten
Einen blanken Ritterhelm sie
Ueber einem schweren Geldsack.
Und dann kam der unabsehbar
Lange Schwarm der Zeitungsjuden –
Dann der Schwarm der Kunstsemiten
Und der Lit'raturhebräer,
Krit'schen Lorbeer in den Locken –
Dann ein Nachtrab buntgemischter,
Herrenloser Judenknaben,
Draller, schmucker Judendirnchen,
Schmutz'ger Judenhökerinnen,
Und so weiter, und so weiter.
Unermeßlich so bewegte,
Schöngeordnet, schöngesondert,
Des erwählten Volkes Einzug
Durch die Gassen sich der schönen
Palmenstadt Jeruscholajim.
Ach, wer zählt, wer nennt sie alle,
Die in diesem Zuge glänzten?
All die Gold- und Silbermänner,
Lilien- und Rosenzweige,
Und die Pinkeles und Pork'les,
Hündchen-Reis und Vögle-Ochs,
Schnapper-Elle und dergleichen,
Ganz zu schweigen von noch größer'n,
Von noch weit berühmter'n Namen?
Tags darauf erwählte Munkel
Man zum Könige der Juden.
Längst ja hatte man im Volke
Ihn erkannt als den verheiß'nen,
Spät zwar, aber endlich doch
Nun gekommenen Messias.
Wunderbare Schicksalswendung –
Der Homunkel auf dem Throne! –
Schon erwog sein Geist die Frage
Einer würdigen Genossin
Seines Thrones, seines Lagers,
Der Begründung eines edlen,
Eines königlichen Samens.
Da kam eines Tages fernher
In die Stadt Jeruscholajim
Eine Schaar von frommen Pilgern,
Christenpilgern aus Europa,
Die zum heil'gen Grabe wallten.
Und es wollte das Verhängniß,
Daß zur selben Stunde Munkel
Eben stand am heil'gen Grabe,
Es besichtigend, bedenkend,
Ob es zieme, Christenunfug
Irgend ferner noch zu dulden
In dem neuen Israel –
Als der Pilgerzug herankam,
Andachtsvoll im Heiligthume
Auf die Kniee hin sich werfend
Und in Andacht fromm versinkend.
Unter ihnen fielen Munkels
Blicke auf ein schönes, blasses
Frauenantlitz, und er meinte,
Daß er's irgend schon gesehen.
Forschend mustert er die Züge
Dieses Weibes – neckt ein Traum ihn?
Himmel! diese schöne, blasse,
Fromme Pilg'rin, ist's nicht Lurlei?
"Ist sie's wirklich, meine Nixe?"
Spricht er bei sich; "wie erkund' ich's?
Spähend schielt er nach dem Saume
Des Gewandes, ob er feucht sei.
Feucht nicht ist er, doch voll Staubes.
Dennoch ist's die Nixe; rheingrün
Schimmern ihre schönen Augen,
Unvergeßlich dem, der einmal
Sah in echte Nixenaugen.
In der That, sie ist's, ist Lurlei.
Mittlerweile fromm geworden
War das unstät-wandelbare,
Ruhelose Frauenwesen,
Seit hinweg von Munkels Seite
Sie gefolgt dem löwenherz'gen
Sieger, dem Rebellenführer.
Lurlei – Munkel – Aug' in Auge –
Sie gekrönt den Gatten schauend
Mit des Judenlandes Krone,
Er das Weib in ihr erblickend,
Das, wie keins, für ihn geschaffen,
Uebermenschlich wie er selber –
Konnten an einander fremd sie,
Feindlich ganz vorübergehen?
Stumm hinweg vom heil'gen Orte
Winkt er sie, und sie, sie folgt ihm,
Und erzählt ihm ihres Schicksals
Wandlungen, die jüngst erlebten.
"Nach Amerika gegangen
War ich" – so berichtet Lurlei –
"Mit dem kühnen Freischarführer
Leo Hase – der, du weißt es –
Bei des Amazonenlagers
Ueberfall in Eldorado
Keck mich zur Gefang'nen machte,
Und der nun jenseits des Meeres,
Auf der Freiheit, auf der Gleichheit
Festem Grund als reicher Pflanzer
Alsbald eine Rolle spielte.
Und nicht schlechte Hoffnung hatt' er,
Präsident einmal zu werden
Des glorreichen Yankee-Freistaats.
Doch darauf bei ihm zu warten
Mangelte Geduld und Lust mir,
Denn entartet zum Philister,
Mäkler, trock'nem Ziffernmenschen,
Schien er mir, zum kecken, rohen,
Geldstolz-aufgeblas'nen Dickwanst.
Ein paar Jährchen dann am Salzsee
Lebt' ich im Mormonenstaate,
Als die erste, angeseh'nste
Von den Frau'n des vielbeweibten
Ehrwürd'gen Mormonenhäuptlings.
Grille war's und Sporn der Neugier!
Auf das Studium der Ehe
Warf ich mich, – dann trieb zu wirken
Mich aufs Neu' der Drang in's Weite.
Mein Geschlecht wollt' ich befreien
Aus dem Sklavenjoch der Männer,
Aus dem Sklavenjoch der Treupflicht.
Doch gebrochen kann es werden,
Dieses Sklavenjoch, das schnöde,
Nur durch gleiches Recht der Frauen
Mit den Männern auf die Arbeit.
Und so trat für dieses Recht ich
Kühnlich kämpfend in die Schranken.
Doch die Männerwelt, sie fluchte:
"Langt die Arbeit für uns Männer
Knapp nur aus, wie soll sie langen,
Wenn nun gar davon den halben
Theil für sich die Weiber heischen?" –
Als nun so ich an dem wilden,
Rohen Eigennutz der Männer
Sah gescheitert mein Bemühen,
Sagt' ich Lebewohl dem Westen."
"Und bist seither fromm geworden?"
Scherzte Munkel, bitter lächelnd.
"Bist in heil'ger Herzensregung
Nach Jerusalem gepilgert?"
"Warum nicht?" versetzte Lurlei.
"Ist doch solcher Herzensantrieb,
Pilgernd nach den Gnadenorten,
Sein Gemüth, das wilderregte,
Zu beschwicht'gen und dem Dasein
Neuen Wechsels Reiz zu leihen,
Häufig just bei Frau'n von ›Welt‹,
Heldinnen der ernsten, heiter'n
Bühne –"
"Schönen Sünderinnen
Ueberhaupt!" fiel hier in's Wort ihr
Munkel. "Schöne Sünderinnen,
Freilich, ach, sie haben alle
Manchmal solche fromme Regung!" ..
"Oefter als du denkst," versetzte
Lurlei, "ist's mit solcher Regung
Ernst den schönen Sünderinnen!"
"Ernst auch den gebornen Nixen?"
Fragte Munkel, spöttisch lächelnd.
"Den gebornen Nixen, welche
Die Natur der Nixe schützt
Vor dem Altern, dem Verwelken?" –
"Ernst auch den gebornen Nixen,
Wenn sie menschlich angekränkelt!"
Gab zurück die fromme Pilg'rin.
Seltsam ernsten Ton's, gesenkten
Hauptes sprach sie diese Worte.
"Diesmal führte dich," warf Munkel
Leicht und neckisch hin, "vielleicht doch
Ein klein wenig auch die Sehnsucht,
Unbewußte Sehnsucht, einmal
Wieder einen Freund zu sehen,
Einen alten Freund – zumal er
Eine Königskron' inzwischen
Sich errang. Ist Kronengold nicht
Gold'nen Erzes beste Sorte?
Gold'nen Erzes, das wir lieben?" ...
Lächelnd sprach er's, lächelnd zuckte
Anmuthreich statt aller Antwort
Sie die feinen Nixenschultern ...
Mit Sarkasmen züchtigt Munkel
Fürder noch die Ungetreue.
Doch sie läßt die Wasserkünste
Perlenlichter Thränen spielen,
Und des Zürnenden Gemüthe
Stimmt gemach sie zur Versöhnung.
In die Rechte seiner Gattin
Sie noch einmal einzusetzen,
War nach reifer Ueberlegung
Er des andern Tags entschlossen.
Und sie thut mit Mund und Augen,
Oft getäuscht, nun welterfahren,
Das Gelöbniß, auszuharren
Fernerhin bei ihm getreulich.
Jüdin wird nunmehr auch Lurlei.
Vorstellt Munkel seinem Volke
Sie als angetraut-verlor'ne,
Wieder nun gefund'ne Gattin!
Und sie sitzt fortan mit ihm
Glorreich auf dem Stuhle Davids!
Wundersame Schicksalswendung –
Der Homunkel auf dem Throne!
Eine Krone trägt die Nixe! –
Aber nicht zum müss'gen Träger
Einer Krone nur berufen
Fühlt sich Munkel. Mehr als König,
Traun, Messias muß er werden,
Ja, Messias seinem Volke.
Wächst der Mensch mit seinem Zweck nicht,
Wie das Haus wächst mit der Schnecke?
Ein Messias will er werden,
Ein Messias des Verstandes,
Und mit besserem Erfolge,
Als der arme Galiläer,
Der Messias war des Herzens,
Und den Lohn am Kreuz gefunden.
"Dieser weiche Mensch," so sprach er,
Leichthin spottend, "welcher Liebe
Predigte und nichts als Liebe,
Taugte nicht zum Judenkönig,
Und zu viel Gemüth, zu wenig
Geist besaß er zum Messias!" –
Um den angebornen Scharfsinn
Seiner Juden auszubilden,
Gründet Munkel eine Schule,
Eine hohe Schule, welche
Echte Lebensklugheit lehren
Und erneuern soll die Feinheit,
Die Spitzfindigkeit des Talmud,
Doch nur in modernem Geiste
Und auf praktischem Gebiete.
Er verkündete die Botschaft
Eines dritten Testamentes,
Zur Ergänzung, zur Erklärung,
Zur Erfüllung jener andern
Beiden alten Testamente.
Auf sothanem Weg gelangte
Der eklektisch-kritisch-prakt'sche
Sinn des Judenvolks zu höchster,
Nirgend sonst erreichter Blüte.
Doch, was half's? Dem ungeheuren
Können ward zu eng die Schranke
Der Bethätigung, des Wirkens.
Unter sich, auf sich beschränkt nur,
War das Judenthum ein Deckel
Ohne Topf; es konnte Keiner
Je den Andern überlisten,
Denn gleich pfiffig waren Alle,
Alle dreist und ohne Skrupel.
Keiner borgte Geld vom Andern.
Rothschild schlich verarmt, als Schnorrer,
Abends heimlich durch die Gassen.
Die gewiegt'sten Rezensenten
Hatten nichts zu rezensiren,
Und die beißendsten der Spötter
Nichts zu spotten, nichts zu beißen.
Heller gähnte, Spitzer nagte
An der Feder; Herrn Fritz Mauthner
Fehlt' es an "berühmten Mustern",
Und in rasender Verzweiflung
Zehrend an dem eig'nen Nichts,
Parodirte er sich selber.
So zu einem großen Ghetto
Ward die Stadt Jeruscholajim,
Allwo käuferlos ein Weltmarkt
Schimmelte von alten Hosen.
Sein gelangweilt Volk aufs Neue
Zu beschäft'gen, zu beleben,
Gründet Munkel eine "Waaren-
Und Realitätenbörse"
Größten Stils, in welcher Alles
Ward gekauft, nur um es wieder
Zu verkaufen; täglich wurden
Da geschaffen "neue Werthe",
Flogen spielballgleich von einer
Hand zur andern, und da Niemand
Fragte nach dem Werth in Wahrheit,
Sondern nur nach Hausse und Baisse,
Wurden schließlich Knöpfe, Scherben,
Roßkastanien, Rattenschwänze,
Rost'ge Nägel, ja sogar auch
Die hierher nach Palästina
Mitgebrachten unbezahlten
Wechsel auf den Markt geworfen,
Und sie hatten ihren "Curs".
Dieses Börsenspiel belebte
Zwar den Spekulationsgeist
Und beschäftigte den Scharfsinn,
Gab Gelegenheit zu manchem
Schönen glänzenden "Manöver",
Diente aber doch im Ganzen
Mehr zum Sport und zur Zerstreuung
Der Gemüther, als zur Förd'rung
Des Nationalwohlstandes.
Schlimmer ward's, Unfrieden folgte
Der Verkümm'rung. Israel
War ein Magen, welcher drohte
Bald sich selber aufzuätzen,
Weil für seine scharfen Säfte
Ihm gebrach der Stoffe Zufuhr.
Und zu murren nun begannen
Schon die Juden, ungesund sei
Dieses Aneinanderkleben;
Fanden schließlich unerträglich
Ihre eig'ne konzentrirte
Oriental'sche Hautausdünstung,
Sehnten sich hinaus ins Freie,
Sehnten sich hinaus ins Weite.
Ihre besten Dichter sangen,
Harften alte Trauerweisen,
Welche stammten aus den Zeiten
Des Exils in Babylonien.
Rothschild fiel nun gar in Irrsinn,
Schwor dem Einmaleins ab,
Warf sich auf die Kabbala,
Schwatzt' apokalypt'schen Unsinn
Auf dem Markt und an der Börse,
Gab sich aus für den Propheten
Jeremias, ward als toller
Bettler von dem Volk gemieden.
Auf den alten Ahasverus
Blickten seine Stammgenossen,
Wie vordem mit Stolz und Ehrfurcht,
Jetzt mit scheelen, düstern Augen:
Ach, des Stamms unsterblich Leben,
Dessen Bild in ihm sie schauten,
Allgemach zum Fluche schien es
Ihnen allen nun zu werden;
Müde Wand'rer dünkten sie sich
Alle nun, und sie erfaßte
Ueberdruß am Erdendasein.
And'rerseits begann des Westens
Welt auch wiederum allmählich
Ihre Juden zu vermissen.
Schien es doch nunmehr zu fehlen
Allenthalben an dem rechten
Sauerteig im Völkerleben!
Oede waren alle Börsen,
Lahm der Schwung des Spekulirens,
In der Tagespresse machte
Bald ein Mangel an Reportern,
Unverfrorenen, sich geltend.
Ueberhand nahm ganz entsetzlich
Kunst und Poesie; die Mäuse,
In Abwesenheit der Katzen,
Tanzten auf dem Musenberge.
Um sich griffen bald nicht minder
Auch gewisse Hautkrankheiten,
Weil die besten Spezialisten
Dieses Faches jetzo fehlten.
Lebenslust'ge junge Leute
Dachten seufzend der Hebräer.
Gänzlich auch verkamen manche
Völkerschaften, und zu Tage
Trat es, daß sie ohne Juden
Leben nicht noch sterben konnten.
Stimmen machten schon sich geltend,
Welche die Zurückberufung
Des Hebräervolks verlangten.
Langeweil' und Unmuth wuchsen
Unterdessen in der heil'gen,
Schönen Stadt Jeruscholajim,
Und ihr Opfer sucht' in Munkels
Haupt des Volkes üble Laune.
Was im Innersten zuletzt noch
Gegen ihn das Volk empörte,
War, daß er, um es des Stumpfsinns
Schnödem Banne zu entreißen,
Es gespornt zu großen Thaten,
Zugemuthet ihm, die Welt sich
Mit dem Schwerte zu erobern.
Hatt' er nicht den Sieg versprochen
Ihnen, und der Welt Erob'rung,
Durch des Geist's blutlose Waffen,
Durch die Klugheit, des Verstandes
Uebermenschlich hohen Aufschwung?
Und was war daraus geworden?
Heimlich gährend erst, gelangte
Die Verschwörung rasch zum Ausbruch;
Auf ein feiges Häuflein schmolzen
Ihm zusammen die Getreuen.
Es erstürmen die Rebellen
Seine Zionsburg, die neue,
Werfen ihn in Kerkermauern.
Man verurtheilt ihn zum Tode:
Und durch's Schwert nicht soll er enden,
Nicht durch Henkerstrick, durch Fallbeil
Oder Blei nach fremdem Brauche,
Nein, gekreuzigt soll er werden
Nach uralter Landessitte.
Und man führt zum Marterholz ihn,
Welches für ihn aufgerichtet
Außerhalb der Mauern einsam
Ragt an hochgeleg'nem Orte;
Und mit ausgestreckten Händen
Wird er, ausgestreckten Füßen,
Festgebunden an die Balken.
Da verbreitet von der Stadt her
Wie im Flug sich eine Botschaft
In dem Schwarme der Hebräer,
Die das Kreuzgerüst umstanden;
Eine Botschaft, welche wachruft
Unbeschreibliche Erregung
Im gesammten Judenvolke,
Daß es wie ein Ameishaufen,
Welchen aufgestört ein Steinwurf,
In unsäglicher Verwirrung
Hastend durcheinander wimmelt –
Nur so lautlos nicht, nein, lärmvoll,
Schreiend, kreischend, krächzend, tobend.
Abgesandte von des Westens
Völkerschaften sind gelandet,
Einzuladen die Hebräer,
Nach Europa heimzukehren.
Gleichberechtigung geboten
Wird aufs Neu' den Ausgestoß'nen,
Unter der Bedingung einzig,
Daß die Wechsel, die in Händen
Annoch sind der Abramssöhne,
Lautend auf des Westens Völker
Christlichen Geblüts, für immer
Sei'n vertilgt, verbrannt, zerrissen
An dem Tag der Wiederkehr.
Raserei befällt das ganze
Israel bei dieser Botschaft.
Einen Purzelbaum schlägt Rothschild,
Alle folgen seinem Beispiel.
Ungesäumt dem Ruf gehorchen
Wollen sie im Uebereifer.
Welch' ein tolles Springen, Tänzeln,
Welche drolligen Geberden!
Nicht ein Tag, nicht eine Stunde
Soll verloren sein – das ganze
Judenvolk stürzt wie besessen
Sich hinab zum Meeresstrande
Mit der aufgerafften Habe. – –
Munkel ist allein geblieben,
An dem hohen Kreuze hangend;
Von der lichten Höhe Gipfel
Auf die Scene blickt er nieder.
Niemand kümmert sich um ihn mehr!
Er ist todt, er ist verlassen,
Ist vergessen, ist verschollen. –
Nacht inzwischen ist's geworden,
Doch der Mond ist aufgegangen;
Munkel sieht die heimatmüden,
Ungetreu'n, verrätherischen
Bürger seines jungen Reiches
Ihren Weg zum Meer verfolgen,
Sieht ein großes Feuer lodern,
Fern am Strand, von welchem hochauf
Rauch und Funken weh'n zum Himmel,
Und in welchen sacht verflackert,
Sacht verknistert die papierne
Riesenschuld des Abendlandes ...
Hingeht also Stund' um Stunde,
Schaurig ist die Grabesstille
In der öden weiten Runde –
Munkel hängt am Kreuz verlassen,
Ist vergessen, ist verschollen;
Raben nur und Geier kreisen
Krächzend um das hohe Kreuz.
Jetzo aber von dem grauen
Felsen in des Mondes Dämmer
Löst das Bild sich eines Greises:
Uralt, runzlich Wang' und Stirne,
Trocken gelb die Haut wie Leder,
Geisterhaft, phosphorisch flimmert
Seines langen Haares Silber.
Nur die beiden Augen glimmen
Wie zwei Kohlen in der grauen
Asche dieses Mumienleibes.
Ahasverus war's, der müde,
Tod-vergess'ne Weltdurchwand'rer.
Unvermerkt zurückgeblieben
War in Munkel's Näh von allen
Juden einer noch – der ew'ge.
Unter'm Kreuze steht er jetzt,
Blickt empor zu Munkel, schüttelt
Sacht sein Haupt, das glitzernd-weiße,
Flüstert dumpfen Tons die Worte:
"Will der Tod auch dich vergessen,
Armer Erdensohn da droben?"
"Ja, er läßt mich," seufzte Munkel,
Zwischen Himmel hier und Erde,
Zwischen Leben, Sterben schwebend
Hängen in der weiten Oede.
Alle haben mich verlassen,
Sind hinweg von mir gelaufen,
Ohne mir zuvor aus Mitleid
Noch den Gnadenstoß zu geben!"
War's ein Seufzen, war's ein Kichern,
Was vernehmen ließ mit sachtem
Schütteln seines Silberhauptes
Hier der greise Ahasverus? –
"Ja, sie haben mich verlassen,"
Seufzt nach einer Pause wieder
Auf dem Marterholz der Aermste;
"Ja, sie haben mich verlassen,
Die Erbärmlichen, die Wichte,
Dieser feige Judenpöbel!
Ich verachte sie und glücklich
Bin ich, daß sie mir ersparen,
Sei's im Leben, sei's im Sterben,
Ihren gottverhaßten Anblick!
Eines Wesens nur gedenk' ich,
Eines nur vermiss' ich peinlich:
Meine Gattin, die zum Thronsitz
Ich erhoben, zur Genossin
Meiner Herrschaft, meines Glanzes.
Bin ich auch von ihr verlassen?
Bin ich auch von ihr vergessen?
Hat der schnöde Judenpöbel
Sie, auch sie geschleppt zum Tode?
Oder schmachtet wo im Kerker
Sie, verlassen und vergessen,
Wie ich schmachte hier am Kreuze?" –
Wieder seufzt und kichert leise,
Dumpf, der greise Weltdurchwand'rer.
Dann mit ausgestrecktem Arme
Weis't er fernhin nach des Meeres
Saum hinab, wo in des Vollmonds
Hellem Licht ein weißes Segel
Gleitet sacht hinaus in's off'ne
Weite Meer ...
"In jenem Fahrzeug,"
Flüstert er, "in jenem Fahrzeug
Schifft ein unermeßlich reicher,
Edler Muselmann, ein Emir,
Heimwärts nach Konstantinopel.
Und in diesem seinen Fahrzeug
Gastlich hat er aufgenommen
Die verlass'ne, die vergess'ne
Schöne Königin der Juden.
Warst du doch zum Tod verurtheilt!
Warst du doch an's Kreuz gehangen!
Hat als Wittwe dich betrauert
Redlich, wie es ihr geziemte.
Und der unermeßlich reiche
Moslem, der sie sah auf seiner
Wanderfahrt durch Palästina,
Warb um sie, die schöne Wittwe,
Und die Wittwe, sie versprach,
Zu versuchen, ihn zu lieben.
Und nun bringt das Fahrzeug Beide
Heimwärts gen Byzanz im Fluge!" –
Einen Fluch, ein Wort des Schimpfes
Ausstieß Munkel; zürnend stöhnt' er:
"Dies der Dank für eine Krone,
Welche ihr durch mich geworden?
Dies der Dank für meine Duldung?
Dies der Dank für mein Verzeihen? –
O wie konnt' ich mich entschließen,
Nochmals in den Mund zu nehmen
Diesen ausgeworf'nen Bissen!
War ihr Wesen mir verborgen?
Kannt' ich nicht von Anbeginn sie?
Durft' ich Besseres versprechen
Mir von dieser schnöden Fischbrut,
Von der herzenskalten Nixe? –
Weißer Busen, schwarze Seele –
Volle Brust und leeres Herz! –
Ha, was ließ ich mich bethören
Noch zuletzt vom heuchlerischen
Ernst der "welterfahr'nen Pilg'rin?"
And're haben falsche Locken,
Falsche Busen, falsche Glieder:
Aber dieses Weib hat eine
Falsche Seele, die sie ablegt
In der Nacht, wenn sie allein,
Auf dem Tischchen der Toilette!
Keine Seele hatte sonst sie,
Jetzo hat sie eine falsche:
Zum Ersatze für die echte,
Die ihr die Natur versagte
In des Stromes feuchten Gründen!" –
Zornentflammt so stöhnte Munkel.
Mitleidsvoll erbietet jetzo
Sich der Greis, die Hände, Füße
Munkels an dem Marterbalken
Aus den Banden zu erlösen,
Ihn vom Kreuze zu befreien.
Doch er schlägt das Anerbieten
Grollend aus und wünscht zu sterben.
"Ach," versetzt der ew'ge Wand'rer
"Könnt' ich tadeln, könnt' ich schelten
Einen, der mit mir die Sehnsucht
Theilt nach Ruhe – ew'ger Ruhe?
Ew'ger Ruhe – doppelt süß mir
Und verlockend, seit ich endlich
Ihren Vorgeschmack gekostet,
Durch das seltsamste der Wunder,
Seltsamste der Abenteuer,
Welche mir bisher begegnet
Auf der langen Lebensirrfahrt!" –
Seufzend und gleichwie versunken
In schwermüthiges Erinnern,
Eine Weile schwieg der Alte,
Und von neuem dann begann er:
"Hundert Jahr' nun mag es her sein
Daß aus alter Todeslust ich
Mich, und eitler Todeshoffnung,
In den Schlund des Aetna stürzte.
Doch des Berges Flammenkrater
Reicht hinab in's Bodenlose:
Als ich nun vom Kraterrande
Stürzend fiel, und fiel, und fallend
Kam zum Mittelpunkt der Erde,
Wo das Centrum ist der Schwerkraft,
Jenes Centrum, das nach einem
Punkt von üb'rall her an sich reißt
Jedes Erdending und festhält,
Nicht mehr weiter, selbstverständlich,
Konnt' ich fallen: schwebend hing ich,
Frei, wie Mahvms, des Profeten,
Sarg im Tempelraum zu Mekka.
Ein Jahrhundert lang so blieb ich
Schwebend hängen – nicht verhungern,
Konnt' ich, ach, ich Unglücksel'ger,
Nicht verdursten, nicht verderben,
Bis zuletzt ein neuer Ausbruch
Mich des Innersten der Erde
Durch des Feuerberges Krater
Warf nach oben, mich zurückgab
Neuerdings der Oberwelt
Und dem schalen Erdendasein.
Habe mich die hundert Jahre
Doch 'mal gründlich ausgeschlummert,
Tief im dunklen Schoß der Erde,
Lebend eingesargt, begraben
In dem einzig unbewegten
Centrum aller Erdendinge,
Wohin alles strebt voll Unrast,
In der Gruft, der allerstillsten,
Die mir einen Vorgeschmack gab
Von der unterweltlich süßen
Rast des Todes und des Nichtseins!
In der That, ich hatt' es nöthig,
Einmal so mich auszuschlummern!
Spür' ich doch das Alter endlich
Auch allmählich in den Gliedern!
Meine Wanderfüße wollen
Nicht so munter mehr mich tragen!
Bin nicht mehr so frisch, so rüstig,
Wie in den vergang'nen Zeiten,
Wo aus reinem Uebermuth ich,
Auf des Niagarafalles
Höchsten Wogengrat mich setzend,
Hundertmal so nach einander
Von dem brausend-wilden Flutschwall
Mich ließ strudeln in die Tiefe;
Oder wo ich mir die Adern
Aufschnitt, die zu heiß pulsirten,
Und, um kühl da zu verbluten,
Mich hinunterwarf vom Felsstrand
In die Flut des rothen Meeres –
Damals hieß es nicht das rothe,
Sondern ward erst so geheißen,
Als es roth von meinem Blute
War auf lange Zeit geworden ...
Vierzig Wochen lang verblutend
Lag ich schwimmend auf den Wogen;
Wohl bekam der Aderlaß mir,
Ach, in frischer, toller Jugend!" –
Also sprach der ew'ge Jude,
Sprach der greise Ahasverus,
Streckte dann sich unter'm Kreuze
Seufzend hin, zum nächt'gen Schlummer.
Aber auch der Schlummer flieht ihn
Wie der Tod, und in Betrachtung
Sinkt er tief bei Munkels Anblick.
"So auch," denkt er, leidvoll sinnend,
"So wie dieser Mann am Kreuz hier
In der grabesstillen Oede,
Werd' auch ich des Daseins Schreckniß,
Ganze Trauer erst ermessen,
Wenn ich übrig einst geblieben
Als der letzte Mensch auf Erden,
Wenn um mich die Sterne kreisen
In der schauerlichen Stille
Des verlass'nen Erdenrundes.
Werden mit dem Erdenstaub dann,
Wenn der Erdenkloß verwittert,
Nicht verwitternd und zerstäubend
Sich doch auch am Ende mischen
Die Atome meines Wesens?" –
Schlaflos wie der unter'm Kreuze
War der Mann auch auf dem Kreuze
Tief versenkt in ernstes Sinnen.
Schaurig ist die Grabesstille
In der öden, weiten Runde;
Munkel hängt am Kreuz verlassen,
Ist vergessen, ist verschollen,
Raben nur und Geier kreisen
Krächzend um das hohe Kreuz.
Auf sein Leben einen Rückblick
Warf er und aufschlug er plötzlich
Hohnvoll eine bitt're Lache.
"Käme doch nun mein Erzeuger,"
Dacht' er, "um am Kreuz zu sehen
Schmachvoll hier sein Meisterstück!
Er, der so beredt geflunkert
Von der glanzvoll-reichen Zukunft,
Welche für sein Werk noch schlummern
Sollt' im Zeitenhintergrunde!
Ha, nimm meinen Fluch zum Danke
Für den schalen Trank des Lebens,
Für den Quickborn, der mit so viel
Unquicklichem verquickt ist!
Armer Prahler! ha, was rühmst du
Mit so ungemess'nem Hochmuth
Dich, daß aus den feinsten Stoffen
Mühevoll zusammen etwas
Du gestümpert von der schlechten
Töpferwaare, Mensch geheißen?
Ei was bildest auf dein Schaffen
Du dir ein? Ward nicht dergleichen
Minder anspruchsvoll, doch besser
Und bezeichnender gestümpert
Längst aus Lehm, geworf'nen Steinen,
Angestoß'nen Eichenklötzen,
Drachenzähnen? Ward geschaffen
Nicht aus Adams Rippe Eva,
Und er selber gar aus nichts? –
Mich erfaßt ein tiefer Ekel
Vor dem Dasein, vor dem Leben.
Ha, um welchen trunk'nen Gott,
Welchem schwindelt in der Leere
Der Unendlichkeit, des Nichts,
Dreht sich diese Welt so närrisch?!" –
Wolken zogen vor den Mond sich,
Und noch tiefer ward die Stille
Um das Kreuz her auf der Höhe,
Und entseelt schien alles Leben.
Aber plötzlich durch die Stille
Drang der kurze Todesangstschrei
Eines Vogels, aus dem Schlummer
Aufgeschreckt vom Stoß des Falken ...
Ha, was ist das? Fern im Meer dort
Auftaucht ein gespenstig Fahrzeug,
Oede, schaurig, todeseinsam:
Rabenschwarz sind seine Segel,
Schwarz der Mast und leer der Bord –
Eines einz'gen Mann's Gestalt lehnt
An dem schwarzen Mast wie Einer,
Der an einen Pfahl gebunden.
Auf zum fahlen Monde blickt er,
Starr und wie entseelt, gespenstig,
Und im starren, düstern Blicke
Des gespenst'gen Seglers spiegeln,
Wie im Blick des Manns am Kreuze,
Alle Schauer sich des Lebens ...
"Alles Leben," ächzte klagend
Der Homunkel auf dem Kreuze,
"Ist es nicht ein wilder Angstschrei?
Vor dem Tod? nein, vor sich selber!
Der gepredigt neues Leben,
Pred'gen möcht' ich jetzt das Nichtsein –
Möchte leben, weiterleben,
Nur um weitum in den Landen
Zu verkündigen das große
Evangelium des Todes!" –
Morgenhauch beginnt erfrischend
Jetzt zu wehen um die Höhe.
Zu gewaltigem Entschlusse
Sind gereift im nächt'gen Grauen
Die Gedanken der Verzweiflung
In dem Geiste des Homunkels.
Mählich hatte doch indessen
Sich gesenkt ein leiser Schlummer
Auf das Haupt des greisen Wand'rers,
Welcher unter'm Kreuze ruhte.
Und in einem Traumgesichte
Meint' er schlummernd zu vernehmen
Eine wundersame Kunde:
Daß Erlösung doch ihm werden
Sollte noch, dem Wandermüden,
Und daß auf der Erde wandle
Einer, wunderbar geartet
In der Schaar der Erdensöhne,
Auserlesen und berufen,
Jenen Fluch auf sich zu nehmen,
Jenen Fluch und jenes Erbe
Der Unsterblichkeit, mit welcher
Sich so lang' geschleppt der müde
Jude von Jeruscholajim.
Aus dem Traum erwacht, und seufzend,
Daß es nur ein Traum gewesen,
Wendet sich der Greis zu Munkel,
Klagend, daß er weiter wandern,
Wieder weiter wandern müsse,
Während er so müde, müder
Sei als je und auf dem Gipfel
Angelangt der Todessehnsucht.
"Müder als ich selbst," erwidert
Munkel, "müder als die Menschheit
Bist du nicht, o Greis – und dennoch
Bitt' ich jetzo dich, die Bande
Von den Händen, von den Füßen
Mir zu lösen – noch nicht sterben
Will ich, sterben nicht allein hier,
Wirken will ich noch und streben
Für Gedanken, die gereift sind
Diese Nacht in meinem Geiste!" –
"Ruhe, ruhe! Schweige, schweige!"
Flüstert mahnend Ahasverus.
"Schweigen? Ruh'n?" erwidert Jener,
"Schweigen werd' ich, wenn ich ruhe,
Ruhen werd' ich nur im Grabe.
Reden ziemt dem Leben – Schweigen
Ist das große Recht der Todten."
Als herabgelangt vom Kreuze
Mit des Greises Hülfe Munkel,
Wanderten die Beiden schweigend
Bis zum Klippenstrand des Meeres,
Zu erspäh'n, ob noch ein Fahrzeug
Sich da finde, fortzubringen
Sie aus dem verlass'nen Lande.
Aber öd', wie ausgestorben
Weithin war der Strand. Doch rastlos
Schreitet Ahasver, es folgt ihm
Sinnend Jener. Da erschließt sich
Eine öde, schmale Felsbucht,
Und in dieser steht ein Fahrzeug
Regungslos. Es ist das todte
Meerschiff mit den schwarzen Segeln,
Mit dem schwarzen Mast, dem einz'gen
Mann an Bord, dem schattenhaften.
Munkel schaudert. Doch der stumme
Greis und der gespenst'ge Segler
Kennen sich, so scheint's; die Blicke
Beider streifen sich vertraulich.
Dem Gefährten winkt der Alte
Stumm, den Schiffsbord zu besteigen.
Dieser folgt. In grauer Dämm'rung
Stößt vom Land das Geisterfahrzeug.
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Жалоба
Homunculus.
Erstdruck: Hamburg (Richter) 1888.
Hamerling, Robert: Homunculus. Modernes Epos in 10 Gesängen, 5. Auflage, Hamburg
1889, S. 204-244.

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