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HOMUNCULUS. 5. GESANG: LITERARISCHE WALPURGISNACHTРоберт Гамерлинг

Als mit Lurlei Eins geworden...
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немецкий
Als mit Lurlei Eins geworden
Munkel so, ein Paar zu werden,
Ringe wechselnd vor dem Altar
Sie den Seelenbund besiegelt,
Mit dem ganzen, ungetheilten,
Eingeschmolz'nen und gemünzten
Nibelungenhort als Brautschatz,
Gaben sie der Welt das Schauspiel
Einer übermenschlich prächt'gen,
Märchenhaften Hochzeitsfeier.
An die Trauung schloß sich Festmahl,
Tanzfest, Festspiel, Bacchanal.
Auf dem Marktplatz um geschmorte
Gratisrinder, Kälber, Lämmer,
Und um rinnende Gebinde
Unerschöpflichen Getränkes
War das ganze Volk versammelt.
Bei dem Feste glänzte Lurlei
In phantastischer Gewandung
Etwa einer glanzumstrahlten
Nixenkönigin, die Hochzeit
Hält mit einem Elfenfürsten.
Eine Robe trug sie, welche
Ganz gewoben war aus gold'nen
Spinnwebfäden, und darüber
Eine schimmernde Mantille,
Die bestand aus lauter prachtvoll-
Farbigbunten Falterflügeln.
Ein in Gold gefaßtes, reich mit
Edelsteinen ausgeschmücktes
Pfauenrad dient' ihr als Fächer.
Im demant'nen Diademe
Ihres Hauptes schien's, als wären
Die Gestirne des Orion
Rund in Gold gefaßt; ihr Schleier
Schien im Lufthauch zu zerrinnen,
Ihres Kleides lange Schleppe
Glich der großen Sternenschleppe,
Welche milchweiß hinter sich her
Zieht die Königin der Nacht,
Wenn sie hin am Himmel wandelt.
Und nun erst sie selbst! Ihr Aug' war
Der Polarstern dieses Himmels,
Um den all' die andern kreis'ten,
Ihr Gelock ein goldnes Vließ, ihr
Busen, hold bewegt, ein Becher,
Der von Reizen überschäumte.
So mit überird'schen Reizen
Wandelte die stolze Lurlei
Bei dem Feste der Vermählung
Durch den Schwarm entzückter Gäste,
Wie die Sonne durch den Thierkreis.
Doch was quäl' ich mich zu schildern
Reiz und Glanz und Pomp des Festes,
Da dafür doch Worte fehlen?
Laßt mich lieber euch erzählen
Von der Feier heit'rem Nachspiel,
Von dem großen, bunten, muntern
Maskenfestspiel-Bacchanale,
Das das Fest beschloß und krönte!
Schauplatz dieses Maskenfestspiels
War der Blocksberg – als Parnaß;
Und betitelt war das Festspiel:
"Literarische Walpurgis-
Nacht des laufenden Jahrhunderts!"
Vier kastal'sche Quellen sprudeln
Sah man auf dem Blocksberg-Parnaß:
Den kastal'schen Quell des Wassers,
Den kastal'schen Quell des Weines,
Den des edlen Gerstentrankes,
Und zum Vierten den kastal'schen
Quell des Schnapses – des Absinthes.
Demnach theilten die Poeten
Auch sich ein in Wasserdichter,
Weinpoeten, Bierpoeten,
Und in Schnaps-, Absinthpoeten.
Ganz verfallen herbem Weltschmerz,
Bitt'rem Lebensüberdrusse,
Finsterer Melancholei,
Prometheisch-geierbissig-
Lebersiechem Pessimismus,
War der Schwarm der Wasserdichter;
Fanden Alles miserabel,
Nur nicht ihre eignen Verse.
Wohler in der Haut um Vieles
War den Wein- und Bierpoeten.
Diesen war die Welt soeben
Recht, und nur an einem Uebel
Krankten sie: der Wasserscheu.
Die Absinthpoeten schließlich,
Mit den Wein- und Bierpoeten
Theilten sie die Wasserscheu,
Und den Geierbiß des finster'n
Melancholisch-überdrüss'gen,
Lebersiechen Pessimismus
Mit dem Schwarm der Wasserdichter:
Und sie waren doppelt elend.
In der Schenke bei den Krügen
Als Vertreter wasserscheuer
Wein- und Gerstensaft-Begeist'rung
Saßen drei der besten Zecher
Im Kostüm der drei berühmten
Frohgemuthen Handwerksbursche
Aus "Lumpazivagabundus".
Und sie zechten und sie sangen,
Und sie sangen und sie zechten.
"Uns," so sangen sie vergnüglich,
Uns genügt, wie jenem Alten,
Dem Diogenes, dem weisen,
Eine Tonne, hei, juchheissa,
Aber eine volle!
Und wenn wir sie leer getrunken,
Kriechen wir hinein, juchheissa,
Daß mit uns von einem Wirthhaus
Sie zum andern rolle!
Lebens- und auch Liebeswonne
Spendet sie, die volle Tonne;
Komme was da wolle!
Aus dem Schaum des Gerstentrankes,
Dralle Schenkin, steigt dein Bildniß
Immerdar als alte deutsche
Venus, als Frau Holle!" –
Draußen vor der Thür der Schenke
In dem grünen Grase saßen
An der Quelle, an dem Bache,
Stumm und kühl die Wasserdichter.
Saßen grün und gelb vor Mißmuth,
Aergerten sich baß, daß Jene
Drinnen in der Schenke, singend,
Zechend, jauchzend, springend lärmten,
Und sie wollten es nicht leiden;
Sagten, dieser Lärm der Zecher,
Dies Gesinge, dies Gekreische
Wirke auf sie ohrzerreißend,
Nervenfolternd, sinnverwirrend,
Und vom Anblick jener Räusche
Hätten sie den Katzenjammer.
Unterdessen hat die Schenke
Ganz mit munteren Gesellen
Sich gefüllt. Und das Gestöhne
Draußen vor der Thür vernehmend
All der blassen Wassertrinker,
Hebt der Zecherschwarm ein keckes
Spottlied johlend an zu brüllen:
"Hol' der Teufel diese blassen,
Diese wasserblassen Dichter,
Die da wimmern, die da winseln,
Wehevoll-waschlapp'ge Wichter!
Von des Lebens schweren Nöthen
Faseln sie, die Schwerenöther,
Doch geschrieben steht's:
Wie man's treibt, so geht's, juchhei,
Wie man's treibt, so geht's!" –
Grimm befällt die Wassertrinker
Und mit Kieseln aus dem Bache
Zielen sie durch Thür und Fenster
Nach den Zechern in der Schenke.
Zur Erwid'rung fliegen ihnen
Krüg' und Töpfe an die Köpfe.
Und die Wasserdichter fluchen,
Nehmen ein in Sturm die Schenke.
Aber drinnen, ha, geprügelt
Werden sie, hinausgeworfen,
Und hinabgescheucht zum Bache;
Und sie springen, Fröschen ähnlich,
In die Flut, wo sie am tiefsten,
Während hinter ihnen her es
Heult zum Hohne: "Hol' der Teufel
Diese blassen Wassertrinker,
Diese wasserblassen Trinker –
Wie man's treibt, so geht's, juchhei,
Wie man's treibt, so geht's!" –
Und schon ist es Nacht geworden.
Festgebannt noch immer sitzen
Bei den Krügen in der Schenke,
Blaß und blöde schon, die Zecher,
Und die Augen glänzen glasig,
Und sie lachen und sie lallen,
Und sie faseln, flennen, fluchen,
Oder schnarchen unter'm Tische.
Plötzlich von der nahen Thurmuhr
Dröhnt ein Schlag wie dumpfer Donner.
Horch! was hebt da an zu sausen
Und zu brausen vor der Herberg'?
Wilder Sturm heult von der Höhe,
Und "Halloh! Hoiho!" so hallt es.
Hei, was ist das? Heissa, ho,
's ist der Zug des Rodensteiners!
"'raus da! 'raus aus dem Haus da!
Herr Wirth, das Gott mir helf'!
Giebt's nirgends mehr 'nen Tropfen Wein
Des Nachts um halber Zwölf?" –
Also brüllt vom Gaul herunter
In den Sturm der Rodensteiner:
Hinter ihm, hui, schallt und knallt es,
Klafft und blafft und bellt und gellt es;
'raus da! 'raus aus dem Haus da!
Jo, hihaho!
Rumdiridi!
Hoidirido!
'raus! 'raus! 'raus!" –
Heissa, hei, wie heult der Sturmwind,
Der da aus der dumpfen Schenke
Fegt hervor die Zecher alle
Sammt und sonders in die Lüfte
Hoch empor und fort dann, fort,
Fort im Zug des Rodensteiners!
Hol' der Teufel, Rodensteiner,
Dich, der Nächtens du die Leute
Fort so reißest aus der Schenke,
Fort sie führst im wilden Heerbann –
's ist manch' wack'rer Bursch darunter! –
And're Scenen, and're Bilder
Drängen wechselnd sich vor's Auge.
Seht einmal! Zum Theil in zierlich
Kostümirten Maskenzügen
Kommt die Schaar der Liebesdichter!
Seht ihr da die deutschen Perser?
Perser von dem Main, der Elbe,
Von der Isar, von der Pleisse,
Mit Kaftanen und Turbanen
Und mit großen langen Bärten!
Wolfgang nennt sich Hatem, Friedel
Nennt sich Mirza, Michel Hafis,
Stehlen Rosen, stehlen Früchte
Aus dem Gartenhain von Schiras,
Und "vomiren dann Gaselen".
Hans und Grete sind nun Jussuf
Und Suleika, Gül und Bülbül! –
Seht, wie billig, nun den Perser
Diese Höflichkeit erwidern:
Seht, er dichtet und er singt nun
Seinerseits von "Hans" und "Grete",
"Bub" und "Maidle", jauchzt und jodelt,
Und loslegt er mit "Vierzeil'gen",
Reiherfeder auf dem Spitzhut,
Knapp die Hose, grün die Jacke!" –
Doch es naht nicht minder reizend
Jetzt und harmlos eine and're
Neu'ste Liebesdichtertruppe:
Mittelalterlich-maskirte,
Kostümirte Minnesinger!
O wie zierlich die Gewandung!
O wie drollig-derb die Sprache!
Wie possirlich die Gebarung!
Und nun seht das Seitenstück auch,
Wie der Franzmann provençalisch,
Wie der ernste Brite gälisch,
Wie der Wälsche alt-italisch,
Wie der Skandinave gothisch
Girrt, sich trägt und sich geberdet.
Ja, der Mummenschanz ist reizend,
Ja, der Mummenschanz ist harmlos,
Und wie möcht' ihn Einer schelten?
Gern in Masken geht die Minne.
Ganz im Gegensatz zu Diesen,
In verwegenstem Kontraste,
Hat die lyrische Cohorte,
Die da naht, nicht blos Kostüme
Fremder Art verschmäht und Masken,
Sondern kecklich abgeworfen
Schier sogar die eig'nen Kleider.
"Nackte Wahrheit" ist ihr Wahlspruch.
Jetzo hält der Zug und Einer
Läßt, mit einem Ruck sich schwingend
Auf die Schultern der Genossen,
Flammenzüngig sich vernehmen:
"Hört, Genossen! Allzu tief ist
Leider wiederum die Menschheit
Des Jahrhunderts in Askese
Und in Frömmelei versunken!
Statt sich arglos hinzugeben
Heiterem Genuß, befassen
Junge Männer, junge Mädchen
Sich mit Fleischabtödtung, tragen
Stachelgürtel und kastei'n sich.
In dem Joch der Pflichterfüllung
Schmachten die Vermählten – schöne
Frau'n verzehren in Entsagung
Sich wie Nonnen in der Zelle,
Ungeliebt und ungenossen.
Gar so schwer entschließen Menschen
Sich zu lieben und zu küssen!
Unser Fleisch, mit Einem Wort, ist
Nicht emanzipirt genug noch,
Und so ist's durchaus vonnöthen,
Daß man Fleisch und Kult des Fleisches
Nicht besinge blos, nein, pred'ge,
Und die Welt sich des zu strengen
Sittlichkeitsbegriffs entled'ge,
Damit an die Stelle düst'rer
Mönchischer Askese, welche
Herrschend jetzt in allen Kreisen,
Heiteres Behagen trete.
Den Verliebten zu bedeuten
Gilt's, daß Treu', geschwor'ne Treue,
Th orheit, wenn man heischt von ihr,
Daß sie Liebe überdau're.
Fort mit Treue ohne Liebe!
Fort mit dem Phantom der Pflicht,
Wenn sie will, daß bei Erfüllung
Seiner Pflicht der Mensch versau're!
Diese Botschaft zu verkünden
Sei die Losung, sei die Sache
Nun der Dichtkunst des Jahrhunderts.
Fern von sittlicher Verschämtheit
Und ästhetischer Verbrämtheit,
Kein Geheimniß soll sie machen
Aus natürlichen Instinkten:
Darf sich so mit Recht der Wahrheit,
Nackter Wahrheit Schule nennen! –
Dennoch sind wir idealistisch
Durch und durch auch; denn wann gehen
In der Wahrheit, in der Nacktheit
Bei der Schild'rung und Verkündung
Des bacchant'schen Fleischeskultus
Wir so weit, daß dabei solche
Dinge in Betracht wir zögen,
Welche widrig und prosaisch:
Etwa wie gewisse Folgen,
Die bacchantisch kultivirtes
Fleisch oft hat für Haut und Knochen!
Traun, das Fleisch ist Poesie,
Prosa aber Haut und Rückgrat –
Nicht zu reden von noch andern
Unästhet'schen Vogelscheuchen
Auf dem Saatfeld des Genusses!
Und so sind denn wir "Veristen",
"Realisten", just die wahren
Idealisten, die des Lebens
Und des Liebens und Genießens
Heikle und verfehmte Themen
Von der wirklich idealen,
Reinsten, schönsten Seite nehmen!" –
Stürm'scher Beifall und zustimmend-
Laute Rufe unterbrachen
Oft den Redner, und nun hallte
Heller Jubel ihm entgegen.
Reizende Hetären waren
In dem Zuge. Mit Gelächter,
Scherz und Tanz auf grünem Rasen
Brachten sie einander zwanglos
Dar mit hochgemuthem Sinne,
Die Poeten und die Schönen,
Den Tribut der freien Minne.
Plötzlich aber dringt ein Schelten
Und ein Toben durch's Getümmel,
Eines zorn'gen Mannes Stimme,
Eines Weibes Angstgestöhne.
Bei den Haaren die Geliebte
Schleppt ein Liebender im Grimme
Wild herbei. Wuthschnaubend klagt er
Eines Treubruchs an die Schöne.
Einer war es dieser freien
Minnepriester, und er tobte:
"Treuloses Geschöpf! Unwürd'ges
Pflicht- und ehrvergess'nes Wesen!
Abschaum du von einem Weibe!
Dies der Dank für meine Liebe?
Dies die Treu', die du geschworen?" –
"Ach, ich liebte dich nicht mehr!"
Aechzt sie unter seinen Schlägen.
"Das ist's eben!" ruft er wüthend.
"Unverschämte, wankelmüth'ge,
Zuchtlos eitle, männertolle
Delila, verworf'ne Dirne!
Fluch dir, Ausbund aller Falschheit,
Aller Schwäche du des Weibes!" –
So der Ungetreu'n entgegen
Verse voll erhab'nen Zornes
Speit er und markirt den Rhythmus
Auf des Weibes Liljenrücken.
Solches Zwischenspiel der Minne
Brachte in den allgemeinen
Bacchischen Begeist'rungstaumel
Dieser Trunk'nen eine kleine
Und fast unliebsame Störung.
Neu zum Festzug reiht der Schwarm sich
Und zieht fürder dann des Weges.
Plötzlich jetzt erschallt ein donnernd',
Mark und Bein erschütternd wildes,
Ohrzerreißendes "Hurrah!"
Und begleitet war's von schrillen
Tönen einer Kindstrompete.
Nach dem Lärm zu schließen, nahte
Sich im Marsch ein kampflust-glüh'ndes
Regiment der schwersten Reiter.
Doch es waren zarte Knaben –
Kinder – manche noch getragen
Auf den Armen von der Amme.
Als verklungen war das wilde,
Brausende Hurrah, da fielen
Jene, die schon gehen konnten,
Sich einander in die Haare,
Nannten Stümper sich und Tölpel,
Und dann rannte dieser ganze
Literar'sche Kinder-Kreuzzug
Durcheinander, auseinander –
Jeder heim zu seiner Mutter.
Ernster zeigte sich den Blicken,
Märchenhaft schier, jetzt ein buntes,
Sinnverwirrendes Geschwärme:
Mißgeburten, große, kleine,
Krüppel, Knirpse, Zwitter, Tröpfe,
Heldenköpfe, Spindelbeine,
Greise Gnomenangesichter
Auf noch ros'gen Säuglingsleibern –
Hie und da ein Feuerauge,
Doch vereint mit faun'scher Nase
Und mit thierisch-roher Schnauze –
Oder wohlgewachs'ne Glieder,
An verkehrter Stelle sitzend –
Zwischendurch auch Thiergestalten,
Buntgemischte: Regenwürmer
Gab es da mit Eselsohren –
Schnecken gab's mit Hirschgeweihen –
Einen Esel auch mit Adler-,
Und ein Schwein mit Psycheflügeln,
Gimpel, Pfauenräder schlagend,
Aeffchen, hoch auf Straußenbeinen
Stelzend, ein Kameel mit Flossen,
Dachse mit Gazellenhälsen,
Stockfische mit Haifischrachen,
Zeisige mit Eulenköpfen –
Und dazwischen wassersücht'ge
Krokodile, schäb'ge Tiger
Mit vom Zahnarzt eingesetztem,
Künstlichem Gebiß, wuthkranke
Pudel, melanchol'sche Kater ...
Und von diesen Mißgeschöpfen
Ward gefangen, ward gebunden
Fortgeführt ein edles, hohes
Frauenbild voll reiner Schöne –
Und sie belfern und sie greinen
Gegen sie voll Wuth, begeifern
Ihr Gewand, verhöhnen grinsend
Sie als "Vettel", "graue Vettel!"
Sieh, ha sieh, wie vor dem Anblick
Des Gesunden, Schönen, Reinen,
Sie sich krümmen, diese Wichter,
Kraus verzerren die Gesichter,
Sich in tollen, immer toller'n
Sprüngen wüthig überstürzen,
Ueberpurzeln, überkollern!
Sie beginnt ein kühnes, hohes
Lied zu singen: das des Lebens,
Das der Freiheit, das der Zukunft.
Aber jene Mischgebilde
Schnappen weg vom Mund das Wort ihr;
Dieses Lied, das hohe heh're,
Sagen sie, es sei das ihre;
Sie nur hätten es ersonnen,
Sie nur wüßten es zu singen,
Sie nur – Himmel, welch' Gekreische,
Neben lautern Himmelslauten,
Die sie von den Lippen stehlen
Jener Schönheit, der geschmähten!
Die Gefang'ne mit sich schleppend,
Zieht das Zwitter-Thiergelichter
Bellend, blöckend, plärrend weiter. –
Was glänzt blau dort im Gebüsche?
Blaue Strümpfe? Seid willkommen,
Starke Glieder ihr des schwachen
Und des schöneren Geschlechtes!
Edle Geistesritterinnen,
Vielbespöttelt – Frauen seid ihr:
Alles könnt ihr, nur nicht schweigen.
Rührig ist die Frauenzunge,
Rührig ist die Frauenfeder.
Vor euch tragt ihr im Triumphe
Siegesbeute, Siegeszeichen,
Welche kecklich bei verschied'nen
Literar'schen Preiswettrennen
Ihr den Männern abgewonnen!
Dein zu spotten, edler Blaustrumpf,
Sind ja deiner Trägerinnen
Nachgerade schon zu viele!
Giebt es in den Reihen Jener,
Die in idealer Maske
Schwärmen, manche, die hysterisch,
Die erotomanisch kränkeln –
Manche, die für demokratisch-
Soziale Weltverbess'rung
Schwärmend zu Hyänen werden
Und den Besenstiel der Hexe
Keck als Fahnenstange schwingen –
Zu geschweigen von Geringern,
Welche reiten, welche rauchen,
Solchen, welche Hosen tragen –
Nun man muß auch das entschuld'gen.
Insbesond're, wenn sie Hosen
Tragen wollen, ist's begreiflich.
Bloße Sittsamkeit ist dieses
Bei den Frauen, die da streben,
Dieser schnöden Erdenscholle
Engen Schranken zu entfliehen.
Denn wie soll's ein Weib vermeiden,
Das sich will zur Höhe schwingen
Vor der Welt profanen Augen,
Seine Beine zu bekleiden? –
Große Portefeuilles in Händen
Tragend mit gewicht'ger Miene,
Schreitet eine Schaar trübsel'ger,
Aber selbstbewußter Käuze.
Vollgestopft mit Wechselbriefen
Sind die Taschen, die sie tragen,
Und auf Lob und Anerkennung,
Auf die Würdigung der Nachwelt,
Lauten ihre Wechselbriefe.
Und mit diesen Wechselbriefen
Stellen sie, die schnöd' Verkannten,
An das Wochenbett der Zeit sich,
Still den Augenblick erlauernd,
Wo zur Welt sie bringt die Nachwelt;
Präsentiren wollen dieser
Sie wie Shylok ihre Scheine.
Arme, ungebor'ne Nachwelt,
Lieber ungeboren bleibe!
Bankerott ja gegenüber
Dieser Last von Zahlungspflichten,
Dieser Legion von Gläub'gern,
Bist du schon im Mutterleibe! –
Mittlerweile schau'n mit Neid sie,
Diese großen Unbekannten,
Auf die würdevoll Gesetzten,
Regungslosen, Stummen, Alten,
Welche dort im Winkel thronen.
Dieses sind die respektabeln,
"Schätzbar'n Mittelmäßigkeiten"
Und die "vaterländ'schen Dichter",
Welche lang' schon todt, doch so gut
Literarhistorisch-kritisch
Eingebalsamt, daß sie wenig
Oder gar nicht übel riechen.
Der Parnaß hat auch Philister
Und da eben naht ihr Aufzug.
Doch sie sind nicht sehenswürdig.
Aber eine Sorte giebt es,
Eine ganz besond're, rare
Spezies von Erzphilistern,
Welche äußerst sehenswürdig.
Grimassirend, perorirend,
Alltagsschwätzer, doch mit Worten,
Mit cyklopisch-ungeschlachten,
Wie mit Blöcken um sich werfend,
Seht ihr dort verschied'ne Recken.
Das ist jene ganz besond're
Spezies von Erzphilistern,
Die, um für Genies zu gelten,
Sich so recken und so strecken,
Kraftgenialisch sich geberden!
Seht wie jener dort Geschosse
Ballt aus Schnee und Straßenunrath,
Flucht wie ein betrunkner Küster:
Dünkt ein Carlyle sich und ist nur
Ein salbadernder Philister,
Erzphilister, und so durchaus
Ledern, daß man aus ihm schustern
Könnte wasserdichte Stiefel ...
Hei, wer reitet dort so spät durch
Nacht und Wind auf – Steckenpferdchen?
Diese Pferdchen, Steckenpferdchen,
Die sie reiten, Pegasusse
Sind's von Holz, auf Rädern rollend.
Zahllos ist der Schwarm! Poeten
Sind sie, wie die Fliegen Vögel,
Und die Regenwürmer Schlangen.
Laßt den Kleinen doch die Freude –
Diesen Mücken, diesen Grillen
Und Heupferdchen des Parnasses ...
Ei, wer sind sie? Ach, das liebe
Völkchen ist's der – Rathet einmal! –
Und die Kecken dort? – Vaganten!
Literar'sche Strolche! Alles
Sagt der Name. Guarda e passa! –
Seht doch lieber – ha! was soll das?
Esel kommen da mit Hörnern –
Ochsenhörnern! Alle guten
Geister ...! Aber still, nur stille!
Nein, man darf nicht laut es sagen!
Esel, ach, "gehörnte Esel"
Nannte Swift die Rezensenten!
Fall auf ihn zurück das Schimpfwort!
Esel sind nicht alle – nein!
Hörner freilich haben alle!
Orpheus, der erhab'ne Sänger,
Zähmte einst die wilden Thiere:
Diese waren nicht darunter.
Kritische Vivisektoren
Sind's – sie martern die Lebend'gen
Und behandeln zart die Todten.
Ach, wer nennt sie? Da ist Einer,
Der nach Herkuls Keule greift,
Eine Mücke todt zu schlagen.
Da ist Einer, der vor Jahren
Schrieb ein ungewürdigt Epos,
Dann vergrämelt, grausam grollend,
Kritisch jahrelang mit sieben
Cerb'rusköpfen grimm sich ausboll,
Aber jetzo schweigt mit allen
Sieben Köpfen, sieben Zungen –
Wohl aus Aerger, weil er merkt,
Daß, was lebt, noch immer lebt,
Und was todt, noch immer todt ist.
Da ist X. X., eine Mischung
Diskrepanter Eigenschaften:
Witzig ist er, aber dumm.
Da sind manche – o sehr Viele! –
Welche gestern den Lutschbeutel
Erst vertauscht mit der Cigarre.
Auf der Brust, wie Orden, tragen
Just die Unverfror'nen jetzo,
Unverschämten, ihre Namen
Offen, keck vor aller Welt.
Keiner will mehr anonym sein:
Anonyme Unverschämtheit –
Wär' sie nicht ein Widerspruch? –
Stattlich naht, sehr stattlich dort jetzt
Sich ein Aufzug. Hoch zu Roß da
Sitzen Jene, welche machen
Was man nennt die Litt'ratur.
Mit Geleit von Buchverzierern
Halten sie und Buchvergoldern
Vor der Fama hohem Tempel,
Wo die Priesterin – Französin
Von Geburt, genannt Reclame –
Sie empfängt an lichter Pforte:
Hinter ihr die Tempelsklaven,
Welche gänzlich dieser Göttin
Dienst geweiht sind, in Gestalt
Von lebendigen, mit Blättern
Grellbunt überklebten Säulen.
Weihrauchopfer bringt man hier,
Blauen Dunstes Weihrauchopfer,
Und zum hohen Osterfeste
Schlachten hier die Buchverleger
Nicht von Stieren, doch von Krebsen
Manchmal eine Hekatombe.
Bunter jetzt und immer bunter
Wird das Treiben. Gleich wie Karten
Mischt der Zufall im bewegten
Festgetümmel kraus die Menschen.
Durch die Menge, rechtshin, linkshin
Fuchtelnd mit der Pritsche, gaukelt
Toll ein blinder Harlekin.
Im Gedränge wird auf frischer
That ergriffen ein Ideen-
Taschendieb. Ein Autographen-
Jäger sammelt Autographen,
Und Skandalhistörchen sammelt
Ein Skandalhistörchenjäger.
Nach Versteinerungen, Muscheln
Späht dort Einer im Geklüfte;
Ohne Zweifel Geolog?
Nein, ein Dichter! sucht Motive
Zu historischen Romanen
Aus der Juraperiode.
Ein Erzähler, der berühmte
Muster strebt zu überbieten,
Späht nach realist'schen Zügen
Und nach ekelhaften Dingen,
Läßt von einem Arzt soeben
Im Detail die Symptomatik,
Pathologik, Therapeutik
Sich der Läusesucht erklären,
Weil gebaut auf dieses Thema
Der Roman ist, den er eben
Sinnvoll plant. Professor Jäger
Geht umher als Seelenriecher,
Insgeheim nach hierhin, dorthin
Schnüffelnd, Lust- und Unlustdüfte
Kundig prüfend – glaubt zu finden
Viel Gestank und wenig Seele:
So daß er von seiner Lehre,
Die bekanntlich Duft und Seele
Nimmt für Eins, beinah' zurückkommt.
Bietet nebenbei Vorräthe
Seines Wollkostüms Liebhabern
An und seiner Haarduftpillen.
Ein Wagnerianer macht
Propaganda – nicht für seines
Meisters Kunst, nein, für die reine
Pflanzenkost, auf die als Erster
Im Geschlecht der Menschenkinder
Einst verfiel Nebukadnezar.
Einen ew'gen Freitag predigt,
Einen ewigen Quatember
Unser Vegetarianer,
Und versichert, Wagner's Tonkunst
Müsse freilich wohl die Nerven
Seiner Gegner krankhaft reizen,
Wenn sie Fleisch dabei genießen.
Judenfleisch nur sei erlaubt,
Sagt er, Vegetarianern. –
Ei was giebt es dort zu schauen,
Dort zu hören in der hohen,
Musenpriesterlichen Halle,
Wo man an umdrängter Pforte
Geld erlegt hat für den Eintritt?
In der Halle vor den Hörern
Steht ein wandernder Rhapsode:
Lorbeer um das Haupt geschlungen,
Himmelwärts den Blick gerichtet,
Rezitirt er Hochgesänge
Voll pindarisch stolzen Schwunges
Vor der lauschenden Versammlung.
Und sobald den ersten Sang er
Weihevoll geendet, geht er,
Noch vom heil'gen Feuer glühend,
Mit dem Lorbeer auf dem Haupte
Zum Kassier hinaus und sagt ihm:
"Lassen sie das Volk von jetzt an
Um den halben Preis herein!" –
Viel berühmte Leute neu'rer,
Wie vergang'ner Zeit erblickte
Man im bunten Schwarm der Gäste.
Faust, Don Juan, Münchhausen sah man,
Eulenspiegel, Schlemihl, Bräsig,
Don Quixotte, Hudibras,
Frau George Sand und Frau Aspasia,
Und Frau Buchholz; Nana, Teut,
Und Diogenes, der Menschen
Suchte, die Latern' in Händen.
Sehr vergnügt war Peter Schlemihl:
Der bekannte "Mann" (der ärmste!)
"Ohne Schatten" war auf einen
Schatten ohne Mann gestoßen,
Deren es ja gibt so manche:
Und nun wandelten die Beiden
Seit' an Seite, stolz, den Mangel
Einer so des Andern deckend.
Auch der Teufel fehlte nicht
Mitten im Geschwärm des Festes.
Ja, leibhaftig war er da mit
Pferdefuß und Hahnenfeder,
Und er führte durch die Menge
Sein Großmütterchen am Arme.
Doch er gab sich sehr bescheiden:
Sehr armselig war sein Aussehn,
Sehr verschlissen die Gewandung,
Und er that, als wäre gänzlich
Er herunter nun gekommen,
Und als müss' er, um das Leben
Dem Großmütterchen zu fristen
Und sich selber, betteln gehen.
Seine einst'gen Diener, sagt' er,
Feuer, Wasserfluten, alle
Die zerstörenden Gewalten
Der Natur, die Elemente,
Seien Sklaven in des Menschen
Dienst geworden, und ihm selber
Wolle Keiner seine Seele
Mehr verschreiben, unter'm Vorwand,
Daß es Seelen gar nicht gebe,
Und daß man, sein Glück zu machen,
Selbst nun schlau genug geworden,
Nicht des Teufels mehr bedürfe.
Und so sei er denn in Wahrheit
Jetzo ganz ein armer Teufel.
Unter solchen heuchlerischen
Reden geht, Almosen sammelnd,
Er umher; zufällig aber
Auf den Pferdefuß getreten
Einmal im Gedräng', vergißt er
Fluchend sich, speit Feu'r im Zorne ...
Alles, was um ihn hier vorgeht,
Still belauernd, macht er manchmal
Heimlich sich 'nen Knopf in's Schnupftuch.
Später, als es bunter zugeht
Schon im Kreise, treibt er tolles
Zeug und Taschenspielerkünste.
Plötzlich ist der Mond vom Himmel
Weggeschwunden – Alle staunen,
Schaudern, fragen, wo er hin sei?
Da zieht lachend Meister Urian
Den Vermißten aus der Tasche
Wirft ihn in die Luft wie einen
Ball an seine alte Stelle,
Wo er ruhig weiterleuchtet.
Auch ein Spiritist, ein "Medium",
Treibt sich um im Schwarm der Gäste,
An verstorbene berühmte
Männer, Frauen, stellt er Fragen,
Und sie schreiben, ungesehen,
Antwort ihm auf Schiefertafeln,
Doch nicht alle. Manche bleiben
Ganz die Antwort schuldig, oder
Aeußern sich sehr unmanierlich.
Bacon, den man höflich fragte,
Ob es wahr, daß außer seinen
Eig'nen er die Werke Shakespeare's
Auch so nebenbei geschrieben,
Gab zur Antwort dem Befrager
Einen geisterhaft-unsichtbar'n,
Aber fühlbar'n großbritann'schen
Boxer-Fauststoß vor den Magen.
Victor Hugo schrieb, als eine
Antwort man von ihm verlangte,
Für ein Honorar von mind'stens
Hunderttausend Franken steh' er –
Anders aber nicht – zu Diensten.
Nur geistlose Geister, leider,
Kritzelten die Schiefertafeln
Voll mit äußerstem Behagen.
Ich auch ging den Geisterbanner
Schließlich an: "Vermagst du Geister
Zu beschwören, so beschwöre
Mir den Geist der Zeit! Ein Blättlein
Hätt' ich gern von ihm für's Stammbuch!" –
Und der Edle ward beschworen,
Kam und klexte mir in's Stammbuch –
Unterm Tisch nach Geisterbrauch –
Einen Zeitungsleitartikel,
Welcher pries des deutschen Geistes,
Deutschen Schriftthums, deutscher Sprache
Macht und Pracht vor allen andern
Und geschrieben war im reinsten,
Parlaments- und Zeitungs-Diebsdeutsch,
So gespickt mit odiösen,
Ominösen, factiösen,
Querulösen und scabrösen,
So wie auch minutiösen
Und irrelevanten Themen,
Mal- und Tergiversationen,
Opportun-inopportunen
Ingerenzen, Entrevuen,
Plaidoyers und Pourparlers,
Konziliant-, intransigenten
Transaktionen, Kompromissen,
Inkompatibilitäten,
Velleitäten, Chauvinismen –
Mit so viel perhorreszirten
Interims, Strikes, Brouhahas,
Salemaleks, Tohubohus,
Daß durch diese Spracheinwurstung
Unser bied'rer Zeitgeist schließlich
Zweifellos als würd'ger jüng'rer
Bruder sich erwies des alten
Geists der Zeit von Babel's Thurmbau.
Durch den Schwarm so vieler Menschen
Sah man hie und da zuweilen
Wespen, kleine Blocksbergwespen,
Schwirrend hin und wieder fliegen.
An den Leibern dieser Wespen
Waren Blättchen aufgebunden,
Und auf diesen Blättchen standen
Lesbar kleine Epigramme,
Einige mit scharfem Stachel,
And're harmlos, unverfänglich.
Haschen wir die ein' und and're
Dieser kleinen Bocksbergwespen.

Rathend, mahnend, scheltend, zücht'gend,
Denkst du Wunder was es nutzt;
Aber hilft die Brille Blinden,
Und der Esel, wird er klüger,
Wenn man ihm die Ohren stutzt?

***

Schau, die Hexe fährt zu Berg!
Aber nicht mehr auf dem Besen:
Knappes Leibchen, kurzes Röckchen,
Und den Zwicker auf der Nase!
Und Touristin nennt sie sich.

***

Weil dich just der Schnupfen plagt,
Denkst du durch die Wand zu rennen?
Schneuze dich, sagt Epiktet,
Schneuze dich, anstatt zu flennen!

***

Tropfen seid ihr Straßenkothes,
Unter'm Lauf der Zeitenräder
Hochauf gegen Himmel spritzend,
Und ihr wollt euch Sterne dünken?

***

Ein erlesenes Talent! – Ja!
In der That, es ist erlesen!
Ach wie ist so unbeständig,
So zweideutig, so verlogen,
Solch' ein Proteus Mancher, daß man
Schwören möchte, wär' gekommen
Er zur Welt als Ochs, so würfe
Er den Schatten eines Esels!

***

Daß dem Schönen Frische fehle,
Hört man vielfach jetzo klagen.
"Frische fehlt dir, meine Gute!"
Hört' ich jüngst im Garten sagen
Stolz zu einem welken Röslein
Eines Vögleins frischen Quark.

***

Rein im Formenglanze blinken
Laß, o Dichter, dein Gedicht!
Zwar Tyrtäus durfte hinken,
Aber seine Verse nicht!

***

Armer deutscher Poet! meist hast du noch
lange den Ruf nicht,
Den du verdienst: erst den, den der
Verleger dir macht!

***[123]
Niemand wußte, wer der Autor
Dieser Verslein. Nur der Teufel,
Dieser hatte lauernd, schielend,
Wohl bemerkt, das ich's gewesen,
Ich, der Schreiber dieser Zeilen,
Der geknüpft sothane Verslein
Heimlich an die Wespensteiße.
Und er machte sich den Spaß nun,
Abzufangen sie wie Fliegen.
Auf mich zu dann trat er grinsend.
"Mit Vergunst, schätzbarster Dichter!"
Hub er an und sah dabei mir
In's Gesicht mit seinem kohlschwarz
Glüh'nden Aug', in dem kein Weißes.
"Mit Vergunst! Mir altem Kerl, mir
Wär' ein Wort zu gut' zu halten,
Dächt' ich, wenn es um Satire
Sich, um Bosheit, Spott, Verneinung
Handelt – und man sollte, dächt' ich,
Nicht verschmäh'n von Unsereinem
Was zu lernen; Unsereiner
Ist kein Neuling doch hierinnen –
Ganz im Gegentheil! –
Wenn Einer
Solcher Dinge sich befleißigt,
Kann ich ihm nur sagen: Mensch!
Spieße, rädere, skalpire
Deinen Nächsten: aber Einen
Immer – einen ganz Bestimmten,
Den man kann mit Fingern zeigen!
Schinde deinen Nebenbuhler!
Kreuz'ge den, der and'rer Meinung,
An den Pranger stell' die Besten!
Dieses wird man dir verzeihen.
Aber fuchtle mit der Geissel
Nicht umher im Allgemeinen!
Und vor Allem, Bester, hüte
Dich, der Schlechtigkeit, Verderbtheit,
Schwäche, Thorheit an und für sich
Allzudämlich nah' zu treten!
Kein Pedant, mit Einem Wort, kein
Sittenprediger, kein Swift sei
Und kein Juvenal! Denn diese
Art Humors ist gar nicht "lustig!"
Ein Humor, bei dem man ernst bleibt,
Nicht in heller Lache losplatzt,
Ist langweilig, wie die Tragik,
Die nicht wirkt auf Thränendrüsen!" –
"Sehr verbunden!" gab zur Antwort
Ich; "indessen ... ich bedaure ...
Menschenschwäche, Menschenthorheit,
Unser angebor'nes Erbtheil,
Das uns so verhängnißvoll oft
Wird im langen Erdenleben,
So ein bischen durchzuhecheln,
Ist ein Thun, womit der Mensch sich
Tröstet und erbaut zu Zeiten.
Aber meine schlimmsten Feinde
Oder Kritiker zu schinden –
Namentlich zu persifliren –
Nein, ich thu's nicht! – Einen Einz'gen
Nehm' ich aus: den Herrn F. M.,
Der mir ausdrücklich vor Kurzem
Sagte, persiflirt zu werden
Sei die angenehmste Sache
Von der Welt; ihn selbst, den Witz'gen,
Hätte Mancher schon gebeten,
Ihn doch ja zu persifliren,
Denn es sei doch auch – Reclame ...
"Den allein? das ist zu wenig!"
Sprach der Böse. Aber heimlich –
Wie ich merkte – dacht' er: "G'nug ist's,
Hoff' ich, dir den Hals zu brechen!" –
"Wer nicht hören will, muß fühlen!"
Warf er hin. "Der Lorbeer, fürcht' ich,
Den du erntest mit dergleichen,
Wächst auf einer Haselstaude!" –
Darauf ich: In jedem Falle
Laß' ich bald ein Büchlein drucken:
Lachen wird es Keinen machen,
Und sehr Viele werden's lästern,
Und nicht Viele werden's lieben,
Und nur Wen'ge werden's loben,
Aber lesen – werden's Alle! –
Stracks anbeißend auf den Köder,
Den ich mit dem übermüth'gen
Scherzwort "Alle werden's lesen"
Hinwarf seiner Schadenfreude
Und dem Witz der Rezensenten –
"Meinst du?" rief er grinsend, rollte
Tückisch, still-vergnügt, sein glüh'ndes
Kohlenaug', in dem kein Weiß ist,
Und verschwand mit Hinterlassung
Des ihm eigenen Geruches. –
Schlendernd, sinnend wandt' ich wieder
Mich zurück ins Festgewimmel.
Auf das große Hochzeitsballfest
Im Verlauf der Nacht vereinte
Sich des Gästeschwarmes Antheil.
Es gestaltete sich glanzvoll;
Lebhaft war das Tanzvergnügen.
Mit der Braut antrat der Ritter
Von dem Pferdefuß zum Tanze.
Das Großmütterchen des Ritters
Schwenkt' im Takte der Homunkel.
Federleicht und schmiegsam hinflog
Frau George Sand in Faustens Armen,
In Diogenes', Münchhausens
Schlemihls, Don Juans, Eulenspiegels,
Und noch vieler And'rer Armen.
Bräsig walzte mit Frau Buchholz,
Teut vergaffte sich in Nana,
Tollte mit ihr hin im Reigen.
Mit Aspasia, der schönen,
Machten Kritiker ein Tänzchen,
Sprangen mit ihr um wie Rüpel,
Doch es ging der Athem ihnen
Früher aus als ihr, der Schönen.
Trüber brannten schon die Lichter,
Um so heller aber brannten
In der Dämmerung die Blicke.
Schon gestaltete ein wenig
Orgiastisch sich das Hochfest:
Was des Breiteren zu schildern
Ich hier billig unterlasse.
Eins nur darf ich nicht verschweigen:
Daß bei diesem Hochzeitsfeste
Auf dem Punkte stand Schön-Lurlei,
Von Champagnerschaum umbrandet,
Zu entflieh'n zum ersten Male,
Seit sie war getraut mit Munkel.
Hinterlassen schon bereit lag
Ein Billet, drin sie gestand
Ihrem angetrauten Gatten,
Daß sie einen Mann gefunden,
Bei dem Feste der Vermählung,
In der Festlust holdem Taumel,
Der ihr Herz entfachte, wie es
Niemals ihr bisher geschehen –
Den vielleicht sie lieben könne.
Doch nach einer halben Stunde
Hatte sie die Ueberzeugung,
Daß der Mann, dem sie zu folgen
Im Begriff war, den, umbrandet
Von Champagnerschaum, sie vorschnell
Für ein Ideal gehalten,
Nur ein ganz gemeiner Wicht sei.
Und zurück zur rechten Zeit noch
Kehrte sie, ihr bräutlich Bette,
Wie geziemend, zu besteigen
Mit dem angetrauten Gatten.
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Жалоба
Homunculus.
Erstdruck: Hamburg (Richter) 1888.
Hamerling, Robert: Homunculus. Modernes Epos in 10 Gesängen, 5. Auflage, Hamburg
1889, S. 91-130.

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